Paul Verhoeven

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Julio Sacchi
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Paul Verhoeven

Post by Julio Sacchi »

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DER VIERTE MANN (1983)
Hatte ich tatsächlich noch nie gesehen. Verhoeven sleazt sich hier mit Gusto durch Hitchcocks Euvre und präsentiert einerseits die raffinierteste Suspense-Abkoche, die es bisher gab, und lässt mit seinem galligen Humor asexuelle Surrealisten wie David Lynch im Regen stehen. So versaut dampft es nur bei Paule, so krass vergeht sich nur der Holländer an Tabus (Kastration / Jesus-Schändung), ohne dabei jemals die Grenze zum Selbstzweck zu überschreiten.
Jeroen Krabbé träumt als nicht aus- aber durchaus an- und abgebrannter Literat von männlichen Hardbodies und lässt sich dennoch auf ein Schnackseln mit Frau Soutendijk ein. Beim Bumsen rutscht ihm der Pimmel raus und nachts träumt er von Komplettbeschneidung! Einerseits gequält von Todesvisionen, andererseits Sklave seines Penis flattert er der Spinne ins Netz und macht am Ende dicke Backen. Das alles ist trotz diverser Gore-Einschübe puppenlustig, ohne albern zu sein (Krabbé ist eine Schau!) und hat dank Jan De Bonts Kamera auch noch richtig Klasse. Ein saftiges Vergnügen, aus dem Sack direkt auf die Leinwand, und dabei ein früher, wilder Vorbote von Verhoevens eigenem BASIC INSTINCT. Super!
metalsteak80
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Re: Paul Verhoeven

Post by metalsteak80 »

Das liest sich fantastisch :shock:
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Sylvio Constabel
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Re: Paul Verhoeven

Post by Sylvio Constabel »

Aha.
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Julio Sacchi
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Re: Paul Verhoeven

Post by Julio Sacchi »

metalsteak80 wrote: Tue Feb 25, 2025 1:44 pm Das liest sich fantastisch :shock:
Isses auch! :thumbup:
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Nahaufnahme
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SPETTERS (1980)

Post by Nahaufnahme »

Paul Verhoevens SPETTERS (1980) besudelt sich mit Öl und Schlamm, der Titel – niederländischer Slang für die Ölspritzer beim Frittieren der Pommes, Sahneschnitten oder leckere Typen – das kommt zwar irgendwie alles im Film vor, aber nicht so harmlos wie es klingt. Der Film sorgte in den Niederlanden wegen angeblicher Frauenfeindlichkeit und einer expliziten Vergewaltigungsszene für heftige Diskussionen.

Die Geschichte folgt drei jungen Motocross-Fahrern – Rien (Hans van Tongeren, der sich zwei Jahre später 27-jährig das Leben nahm), Eef (Toon Agterberg) und Hans (Maarten Spanjer), die in einer niederländischen Vorstadt von Ruhm, Reichtum und Frauen träumen. Ihr Idol ist der erfolgreiche Motocross-Star Gerrit Witkamp (schleimig-arrogant und trotzdem mit gewissem Charme gespielt von Rutger Hauer. In einer kleineren Nebenrolle als TV-Reporter taucht auch Jeroen Krabbé auf). Die drei Freunde versuchen mit ihren sportlichen Fähigkeiten dem tristen Alltag zu entkommen. Dabei kreuzt die ambitioniert-berechnende Frittenbudenbesitzerin Fientje (die sehr sicher agierende Renée Soutendijk als kommender Star) ihren Weg. Sie nutzt ihre Sexualität gezielt, um sich eine bessere Zukunft zu sichern, und spielt die Männer gegeneinander aus (aber weniger abgefeimt als in DE VIERDE MAN).

Die Träume vom anderem Leben platzen schnell: Tragödien, Erniedrigungen und ein schmerzhafter Realitätsschock (inklusive eines etwas lächerlich aussehenden Unfalls, dessen Schnitt die geringen Produktionskosten zu kaschieren versucht - es ist allerdings die einzige Szene in SPETTERS, die heraus fällt). Eef, der mit seiner eigenen Sexualität ringt, wird von einer Gruppe Männern brutal vergewaltigt. Verhoevens Umsetzung von Homophobie ist etwas grell, aber nicht unbedingt falsch und die Sympathie liegt eindeutig bei der schwulen Figur, 1980 - in einer Zeit, wo Homosexualität, bis dahin auf wenige Ausnahmen künstlerischer (z.B. von Pasolini oder Visconti) oder abwertend (Hollywood z.B. THE EIGER SANCTION) dargestellt wurde, ist Eef schon deshalb ungewöhnlich, weil er keine flamboyanten (LA CAGE AUX FOLLES)/ feminisierenden (Fassbinder) Merkmale hat und zu den wenigen positiven Eigenschaften Fientjes zählt die Unterstützung eines schwulen Bruders, der mit ihr die Frittenbude betreibt (übrigens sehr niederländisch mobil mit Wohnwagen!). Der Aspekt hat mich an SPETTERS mehr interessiert als die Motocross-Story. 8/10

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Con Trai
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Re: SPETTERS (1980)

Post by Con Trai »

Nahaufnahme wrote: Sat Mar 08, 2025 9:02 pm 1980 - in einer Zeit, wo Homosexualität, bis dahin auf wenige Ausnahmen abwertend (Hollywood z.B. THE EIGER SANCTION) dargestellt wurde
In Thunderbolt and Lightfoot (1975) wird die Beziehung der Männer sehr intim dargestellt ("I don't want your watch, man... I want your friendship!'), in The Mechanic (1972) sind die Blicke und Verhaltensweisen zwischen Bronson und Vincent eindeutig, und die Version ist schon stark vom originalen Skript abgeschwächt.
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Nahaufnahme
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Re: Paul Verhoeven

Post by Nahaufnahme »

Das sind aber nur Beispiele mit umstrittenem Subtext und keine für eine angesprochene Thematisierung, wie das negative Beispiel von mir, Jack Cassidys Rolle in THE EIGER SANCTION mit eindeutigen Beleidigungen.

THUNDERBOLT & LIGHTFOOT habe ich erst vor wenigen Wochen das erste Mal gesehen. Mir scheint, dass inzwischen alles was früher bloß schwülstiger Hollywoodkitsch (auch in den Independentfilmen) war, so uminterpretiert werden könnte (ein gemeinsames Bad in Western). Das Finale in THUNDERBOLT & LIGHTFOOT wird dafür angeführt und es gibt eine Szene auf einer Toilette in THUNDERBOLT & LIGHTFOOT, die ist ambivalent geschnitten, aber das ist eher abwehrend und schon gar keine positive Darstellung, womit ich Vergleiche zog. Für mich zählt nur, was ich sehe, nicht was Michael Cimino ursprünglich vorhatte oder im Beispiel THE MECHANIC abgeschwächt wurde, die Blicke?
Ein Beispiel für klaren Subtext ohne moralische Wertung und vom Autor gesichert so beabsichtigt, ist z.B. eine Szene im Badehaus zwischen Tony Curtis und Laurence Olivier in SPARTACUS, in der Originalfassung enthalten, erst 1967 entfernt und 1991 wieder restauriert. Aber das führt weit weg von Verhoeven und europäischen Filmen, die z.B. schon 1961 in Basil Deardens VICTIM ohne Kodierung oder Subtext auskamen.
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Con Trai
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Re: Paul Verhoeven

Post by Con Trai »

Ach Gott, das alte Rom.
Da ist ja historisch gesichert, dass Homosexualität mit gewissen Einschränkungen akzeptiert wurde.
Ich sprach auch nicht von Western, sondern von zeitgenössischen amerikanischen Genrefilmen, weil du einen aufgezählt hast; den ich im Übrigen nicht kenne. Der Film kommt dran, erst die literarische Vorlage, vielleicht ist es erst dort enthalten und man hat es übernommen, was es nicht unbedingt besser macht.
Kennst du The Mechanic? Ich schrieb was von Blicken und Verhaltensweisen der beiden Männer. Für mich zählt das, was ich sehe. Was ich aufnehme.
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Julio Sacchi
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Re: Paul Verhoeven

Post by Julio Sacchi »

Wobei die Homosexualität in Mechanic ja letztlich negativ konnotiert ist. Vincent bringt Bronson quasi zum Coming Out und das ist Bronsons Verderben.
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Con Trai
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Re: Paul Verhoeven

Post by Con Trai »

In Spartacus ist die auch negativ konnotiert, da Curtis ja ablehnt.

In Western seh ich die Leute immer alleine baden:
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Back to Verhoeven, und danke für die Vorstellung des Frühwerkes.
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Sylvio Constabel
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Re: Paul Verhoeven

Post by Sylvio Constabel »

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Re: Paul Verhoeven

Post by Nahaufnahme »

Con Trai wrote: Thu Mar 13, 2025 3:32 am Kennst du The Mechanic? Ich schrieb was von Blicken und Verhaltensweisen der beiden Männer.
Zu lange her, um mich an die Details zu erinnern. Andererseits hatte ich für "Blicke und Verhaltensweisen" durchaus ein gewisses Auge und bei Jan-Michael Vincent, so wie er zwischen 1972-78 aussah, wäre ich gepingt worden, mit einem Bronson wie der im ödem THE SANDPIPER (1965), aber in THE MECHANIC? Nö. Mir ging es aber um die positive Darstellung, keine ambivalente oder negative, Michael Winner und Michael Cimino haben da für mich nichts vollbracht, anders als deren Hetero-Kollege William Friedkin, dessen THE BOYS IN THE BAND (1970) und CRUISING (1980) wenigstens positive wie negative Charakterisierungen zeigen.
Con Trai wrote: Thu Mar 13, 2025 8:20 am In Spartacus ist die auch negativ konnotiert, da Curtis ja ablehnt.
Sehe ich anders. Curtis als Leibeigener wird im Bad von Olivier gefragt, was er bevorzugt: Schnecken oder Austern, auf Sexstellung übertragen: mit Frauen oder auch mit Männern. Olivier outet sich dabei als bi, "Geschmack hat nichts mit Appetit zu tun und ist daher keine Frage der Moral" - Curtis stimmt dem zu. Das ist trotz des Machtgefälles zwischen den Männern freundlich sachlich und ohne Lüsternheit inszeniert (wirklich positiv im Vergleich zum damaligem Zeitgeist in Filmen, die in den frühen 60ern spielten wie Premingers ADVISE & CONSENT mit einem sich selbst hassendem Heimlichschwulen Don Murray).
Nach der homoerotisch aussehenden Szene aber, auf dem Balkon, inzwischen umgezogen, erklärt Olivier, wie er Rom beherrschen will und was er von Rom erwartet. Curtis dämmert, dass er dessen Sexsklave werden soll und er verschwindet unauffällig. In dem zweitem Teil begeht Olivier Machtmissbrauch zur Einschüchterung, seine Sexualität hat damit nichts zu tun. Oder kämest Du auf die Idee, bei Mann und Frau in den Rollen deshalb Heterosexualität negativ zu besetzen? Die Badszene ist eigentlich der einzig Sympathie erweckende Moment für Olivier.
Julio Sacchi wrote: Thu Mar 13, 2025 8:00 am Vincent bringt Bronson quasi zum Coming Out und das ist Bronsons Verderben.
Ich habe da wirklich nur Rache (wg. des Vaters, fiel aber aus) und die Erfüllung eines Auftrags (ganz sicher) gesehen. Ganz anders: Zwischen Marlon Brando und Robert Forster geht die Attraktion unbeabsichtigt in einem militärischem Umfeld von dem jungem Forster aus und führt Brando ins "Verderben", in John Hustons REFLECTIONS IN A GOLDEN EYE (1967) - DAS Thema! Daher machen für mich Spekulationen über den Subtext in später entstandenen Filmen wenig Sinn, erscheint mir manchmal beliebig oder es ist mir zu repressiv, um es neben progressiveren Beispielen für erwähnenswert zu halten.

Außerdem glaube ich, dass die Rezeption unter Homo- und Heterosexuellen bei manchen dieser Filme unterschiedlich ausfällt: Sexueller Ausfall bei einer Prostituierten - wird z.B. neben den schon erwähnten Momenten bei THUNDERBOLT & LIGHTFOOT auch als Indiz angeführt - ist für mich erstmal überhaupt kein Merkmal für homosexuellen Subtext, sondern nur ein Stereotyp, mit dem Heteros im Drehbuch von Teenie- bis Kriegsfilmen männliche Schwäche darstellen, oft gepaart mit Kriegserfahrung oder wenigstens einer angedeuteten psychischen Auffälligkeit. Das ist heteronormative Propaganda, nach der Männer kämpfen und siegen oder ein Defizt haben und damit wurde lange ein Selbstbildnis der Mehrheit unter den männlichen Zuschauern gepflegt. Ich fürchte, der Trend zur globalen rechtsextremen Arschlochkultur wird das sehr bald wieder verstärken.
Sylvio Constabel wrote: Thu Mar 13, 2025 8:29 am Robocop.
Böse Typen, die ich nicht mehr kenne, nannten ihn Robosoftie. Großartig, geile Metallmontur, bester Actionfilm der 80er Jahre! 10/10
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